Andrea Von Treuenfeld: Leben mit Ausschwitz

⚠️ Inhaltswarnung: „Leben mit Auschwitz“ behandelt die schwersten Themen der deutschen Geschichte: den Holocaust und die Shoah, das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, Genozid an europäischen Jüd:innen, transgenerationelle Trauma-Weitergabe, Antisemitismus historisch und in der Gegenwart, Verlust naher Angehöriger durch Ermordung, das Schweigen der Überlebenden als Selbstschutz, sekundäre Traumatisierung der zweiten und dritten Generation. Für Menschen mit familiärer Verbindung zur Shoah oder mit eigenen Trauma-Erfahrungen kann die Lektüre emotional herausfordernd sein. Gleichzeitig ist genau diese Zielgruppe oft besonders von der Repräsentation berührt.

Hilfetelefone bei Belastung:
• Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 / 0800 111 0 222 (kostenlos, anonym, 24/7)
• OFEK e.V. – Beratungsstelle bei antisemitischer Gewalt: 0800 664 55 46
• Zentrale Anlaufstelle für Betroffene von Antisemitismus (RIAS): 030 297 799 26
• Bundesverband psychosozialer Berufsgruppen für NS-Verfolgte: 069 944 371 41
• Antidiskriminierungsstelle des Bundes: 0800 546 546 5
Auschwitz ist heute – und die Verantwortung, sich zu erinnern, gehört uns allen.

„Auschwitz war nicht nur gestern, Auschwitz ist heute – immer noch und bleibend.“ Mit diesem einen Satz fasst Andrea von Treuenfeld zusammen, worum es in ihrem Buch geht. Die Berliner Journalistin, die für Welt am Sonntag und Wirtschaftswoche gearbeitet hat und sich seit Jahren mit jüdischer Geschichte in Deutschland und Israel beschäftigt, lässt in „Leben mit Auschwitz“ die Enkelinnen und Enkel von Auschwitz-Überlebenden zu Wort kommen. 75 Jahre nach der Befreiung des Lagers am 27. Januar 1945 stellt sich die Frage: Was bedeutet Auschwitz für die Dritte Generation? Was mich am stärksten bewegt hat: Die persönlichen Enkel-Berichte und ihre Vielfalt. Ein wirklich wichtiges Sachbuch gegen das Vergessen – 5 volle Sterne und meine ehrliche Empfehlung mit Nachdruck.

📖 Buchdaten

Titel:Leben mit Auschwitz
Untertitel:Momente der Geschichte und Erfahrungen der Dritten Generation
Autorin:Andrea von Treuenfeld (Berliner Journalistin, Publizistik und Germanistik in Münster studiert, ehemalige Leitende Redakteurin bei Welt am Sonntag und Wirtschaftswoche)
Mitwirkung:Kurt Grünberg (renommierter Psychoanalytiker und Trauma-Forscher, spezialisiert auf transgenerationelle NS-Trauma-Weitergabe)
Genre:Sachbuch / Zeitzeugen-Sammlung / Interview-Buch / Erinnerungskultur / Holocaust-Forschung
Verlag:Gütersloher Verlagshaus (Random House / Penguin Deutschland)
Erschienen:20. Januar 2020 (zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz)
ISBN:978-3-579-06612-7
Seitenzahl:256 Seiten
Format:Hardcover mit Schutzumschlag (22,3 × 14,7 × 2,7 cm), auch E-Book
Anlass:75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz-Birkenau (27. Januar 2020)
Zentraler Ansatz:Interviews mit Enkelinnen und Enkeln von Auschwitz-Überlebenden
Weitere Werke der Autorin:„In Deutschland eine Jüdin, eine Jeckete in Israel“, „Zurück in das Land, das uns töten wollte“, „Erben des Holocaust“, „Israel. Momente seiner Biografie“

⭐⭐⭐⭐⭐

5 von 5 Sternen

Ein Mahnmal in Worten. Wichtiges Sachbuch gegen das Vergessen, das die Enkelgeneration selbst sprechen lässt.

Worum geht’s?

Am 27. Januar 1945 wurde das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau von der Roten Armee befreit. Was die Befreier vorfanden, überstieg jede Vorstellungskraft: Skelettartige Überlebende zwischen Bergen von Toten, industrielle Vernichtungs-Anlagen, systematisch dokumentierte Grausamkeit auf einer Skala, die bis heute schwer zu fassen ist. 75 Jahre später, im Januar 2020, veröffentlicht die Berliner Journalistin Andrea von Treuenfeld ihr Buch „Leben mit Auschwitz“ zum runden Jubiläum der Befreiung. Kein Zufall, sondern bewusste Setzung. Denn wenn eine Generation nach der Shoah stirbt und die letzten Zeitzeug:innen der ersten Generation zunehmend verstummen, stellt sich die Frage, wie Erinnerung weitergegeben wird. Wer trägt die Geschichte weiter?

Andrea von Treuenfelds Antwort ist so klar wie unumgänglich: Die Enkelgeneration. Die Dritte Generation nach Auschwitz. Menschen, die die Überlebenden noch persönlich gekannt haben, die aber selbst nicht mehr direkt vom Grauen betroffen sind. Sie sind der Übergang – zwischen der Zeit, in der Auschwitz gelebte Realität war, und der Zeit, in der es „nur noch“ Geschichte, Erinnerung, Verpflichtung ist. Was macht diese Dritte Generation aus? Was heißt Auschwitz für Menschen, die die Großeltern als Kinder erlebten – oft als schweigende, oft als traumatisierte, oft als tapfer weiterlebende Menschen mit einer verborgenen Geschichte? Andrea von Treuenfeld hat für ihr Buch Enkelinnen und Enkel von Auschwitz-Überlebenden interviewt. Sie hat ihnen zugehört. Sie hat ihre Berichte gesammelt, kuratiert und in Buchform herausgegeben. Das Ergebnis ist keine wissenschaftliche Abhandlung, keine historische Studie, kein journalistisches Werk im klassischen Sinne. Es ist etwas Selteneres und Wertvolleres: eine kollektive Zeugenschaft der Dritten Generation.

Jedes persönliche Kapitel beginnt mit einem Foto und Lebensdaten der Enkelin oder des Enkels. Wir sehen ein Gesicht. Wir lernen Alter, Beruf, Wohnort kennen. Darunter finden sich Fotos der Großeltern – der Überlebenden – und deren Lebenslauf. Die Vor-Geschichte, das Grauen, das Überleben, das Weiterleben. Dann kommt der Bericht der Enkelgeneration selbst. Sie sprechen über ihre Großeltern. Über das, was gesagt wurde – und über das viel Größere, was verschwiegen wurde. Sie sprechen über ihre Eltern, die als Zweite Generation oft im Schatten der elterlichen Traumata aufwuchsen. Sie sprechen über sich selbst: über ihre Identität, ihre jüdische Zugehörigkeit, ihre politischen Positionen, ihre Verantwortlichkeits-Gefühle. Sie sprechen über Israel, über Deutschland, über die Welt, in der sie leben. Die Enkelinnen und Enkel, die zu Wort kommen, haben unterschiedlichste Lebensentwürfe. Manche leben in Israel. Manche in Deutschland. Manche in anderen Ländern. Manche sind religiös. Manche säkular. Manche politisch aktiv. Manche eher zurückgezogen. Manche haben ihre Großeltern intensiv befragt und viel erfahren. Manche haben nur Bruchstücke einer Familien-Geschichte, die immer schon vor ihrer Geburt zerbrochen war. Was sie eint, ist die Erfahrung, in eine Familie hineingeboren zu sein, die von Auschwitz geprägt ist. Und der Wunsch, dieser Prägung eine Sprache zu geben. Andrea von Treuenfeld leitet die Interviews mit einer historischen Einführung ein und ordnet sie in eine Rahmung ein, die die „Wegmarken der Wahrnehmung von Auschwitz nach Auschwitz“ beleuchtet. Der Vorwort- oder Beitrags-Text von Kurt Grünberg, einem der wichtigsten deutschen Forscher für transgenerationelle NS-Trauma-Weitergabe, ergänzt den psychologischen Kontext. Was daraus entsteht, ist mehr als eine Interview-Sammlung. Es ist ein Mahnmal in Worten. Es ist ein Vermächtnis. Es ist ein Beitrag zur Erinnerungs-Kultur, der in einer Zeit erscheint, in der antisemitische Vorfälle in Deutschland wieder zunehmen und die Frage, wie wir uns an die Shoah erinnern, aktueller ist denn je.

Meine Meinung

Die persönlichen Enkel-Berichte und ihre Vielfalt – das absolute Herzstück

Das ist der wichtigste Grund für meine 5-Sterne-Bewertung. Andrea von Treuenfeld hat den Mut und die Weisheit, nicht zu deuten und zu erklären, sondern zuhören zu lassen. Die Enkelinnen und Enkel sprechen selbst. Direkt zu uns Lesenden. Ohne journalistische Filter, die zu viel dazwischenschieben. Ohne akademisches Vokabular, das die Emotion abkühlt. Ohne Betroffenheits-Rhetorik, die den Berichten ihre eigene Kraft nimmt. Diese Entscheidung ist erzählerisch klug und ethisch geboten.

Was diese Enkel-Berichte besonders macht: die Vielfalt der Stimmen. Andrea von Treuenfeld hat keine homogene Gruppe interviewt. Keine „repräsentative Auswahl“ im soziologischen Sinne. Sondern sie hat Menschen gesucht und gefunden, die zeigen, dass es keine einheitliche Dritte-Generations-Erfahrung gibt. Da ist die Enkelin, die in Berlin lebt und mit ihrer jüdischen Identität hadert. Da ist der Enkel, der nach Israel ausgewandert ist und dort eine neue Heimat gefunden hat. Da sind Enkelinnen und Enkel, die politisch links stehen und die für einen palästinensischen Staat eintreten. Da sind andere, die politisch rechts stehen und die israelische Regierungs-Politik verteidigen. Da sind religiös orthodoxe Menschen. Da sind säkulare. Da sind Menschen, die sich täglich mit dem Erbe der Shoah beschäftigen. Da sind andere, die versuchen, ein „normales“ Leben zu führen, in dem Auschwitz nicht dauerhaft präsent ist. Diese Vielfalt widerlegt jedes Klischee. Sie zeigt: „Die“ Enkelgeneration gibt es nicht. Es gibt viele Enkelgenerationen. Viele Wege, mit dem Erbe umzugehen. Viele Versuche, aus dem Trauma der Familie eine eigene Identität zu formen. Auch die geografische Vielfalt ist bedeutsam. Andrea von Treuenfeld porträtiert Enkelinnen und Enkel in Deutschland, in Israel, in den USA, in weiteren Ländern. Sie zeigt: Die Shoah hat jüdische Familien in die ganze Welt verstreut. Die Nachfahren leben heute überall. Ihre Wahrnehmung von Auschwitz ist geprägt von ihrer jeweiligen Umgebung, ihrer politischen Realität, ihrer kulturellen Einbettung. Ein Enkel in Berlin nimmt Auschwitz anders wahr als eine Enkelin in Tel Aviv. Ein Enkel in New York anders als eine in Toronto. Diese geografische Vielfalt macht das Buch zu einem globalen Zeugnis. Auch die Alters-Vielfalt ist wichtig. Manche der Enkel sind jung, in ihren Zwanzigern und Dreißigern. Andere sind älter, in ihren Vierzigern und Fünfzigern. Manche haben ihre Großeltern noch intensiv persönlich gekannt, weil diese lange gelebt haben. Andere haben nur Kindheits-Erinnerungen an schweigende alte Menschen, die ihnen zwar nah waren, aber nie viel erzählt haben. Diese Alters-Vielfalt zeigt die zeitliche Entwicklung der Erinnerung. Wie verändert sich das Verhältnis zur Shoah, wenn die persönlichen Erinnerungen an die Großeltern verblassen? Wie wird aus persönlicher Familien-Geschichte historische Erinnerung? Andrea von Treuenfeld beleuchtet diese Fragen implizit, ohne sie explizit zu diskutieren. Sie lässt die Enkelgeneration selbst zeigen, wie unterschiedlich diese Übergänge verlaufen können. Auch die emotionale Vielfalt ist bemerkenswert. Manche der Enkel sind wütend. Andere sind traurig. Manche sind resigniert. Andere sind kämpferisch. Manche sind versöhnlich. Andere sind kompromisslos. Manche sind gläubig und finden Sinn in ihrer Religion. Andere sind agnostisch und finden Sinn in politischem Engagement. Andere sind eher unbeteiligt und versuchen, mit dem Erbe umzugehen, indem sie ihm nicht zu viel Raum in ihrem Leben geben. All diese emotionalen Positionen sind legitim. Andrea von Treuenfeld urteilt nicht. Sie ordnet nicht. Sie lässt jede Perspektive für sich stehen. Diese respektvolle Zurückhaltung ist ein Qualitätsmerkmal des Buchs. Als Buchsucht-Leserin, die selbst Deutsche der dritten Nachkriegs-Generation ist, hat mich diese Vielfalt tief berührt. Sie zeigt, dass die Dritte Generation ihre eigenen Antworten auf die Frage sucht, was Auschwitz für sie bedeutet. Es gibt keine „richtige“ Antwort. Es gibt viele individuelle Antworten, die zusammen ein Mosaik ergeben. Dieses Mosaik der dritten Generation macht die Kraft dieses Buchs aus.

Das Schweigen als Trauma-Muster

Ein wiederkehrendes Motiv in fast allen Enkel-Berichten: das Schweigen der Großeltern und Eltern. Die Überlebenden haben oft nicht über Auschwitz gesprochen. Nicht mit ihren Kindern. Nicht mit ihren Enkeln. Nicht mit der Welt. Sie haben ihre Traumata in sich getragen, um sich selbst und ihre Nachkommen zu schützen. Andrea von Treuenfeld dokumentiert dieses Schweigen als eines der zentralen transgenerationellen Trauma-Muster.

Was diese Erkenntnis besonders macht: Sie stellt eine der schmerzhaftesten Erfahrungen der Zweiten Generation ins Licht. Die Kinder der Überlebenden wuchsen oft in Häusern auf, in denen etwas Unaussprechliches präsent war. Sie spürten, dass ihre Eltern etwas trugen. Sie merkten die Albträume, die Angstzustände, die plötzlichen Weinausbrüche, die unerklärlichen Ängste vor bestimmten Orten oder Situationen. Aber sie wussten nicht genau, was los war. Die Erwachsenen sprachen nicht darüber. Und Kinder in solchen Familien lernen früh, nicht zu fragen. Diese Erfahrung hat die Zweite Generation geprägt. Viele Kinder von Überlebenden berichten heute, dass sie erst als Erwachsene begannen, ihre Familien-Geschichte wirklich zu verstehen. Manche haben ihre Eltern nach dem Tod erst durch Recherche in Archiven oder durch die Enkel begonnen zu verstehen. Andrea von Treuenfeld zeigt, wie diese Schweige-Muster von Generation zu Generation weitergegeben werden. Die Enkelgeneration – die Dritte Generation – ist oft die erste, die dieses Schweigen bewusst durchbricht. Warum können sie fragen, was die Kinder der Überlebenden nicht fragen konnten? Weil sie eine emotionale Distanz haben, die den Kindern fehlte. Weil sie oft mit ihren Großeltern eine engere Vertrauens-Beziehung hatten als die Kinder mit ihren traumatisierten Eltern. Weil sie in einer Zeit aufwachsen, in der die Shoah gesellschaftlich mehr thematisiert wird und in der Fragen legitim geworden sind. Kurt Grünberg, der renommierte Trauma-Forscher, der am Buch mitwirkt, hat in vielen Studien gezeigt, wie transgenerationelle NS-Trauma-Weitergabe funktioniert. Sie geschieht nicht durch bewusstes Erzählen. Sie geschieht durch das, was nicht gesagt wird. Durch die Lücken im Familien-Wissen. Durch die Räume in der Erinnerung, in denen etwas fehlt. Durch die non-verbalen Zeichen der Trauer und Angst. Die Zweite Generation erbt das Trauma unbewusst. Die Dritte Generation erbt oft die Bewältigungs-Aufgabe. Andrea von Treuenfeld dokumentiert diesen Bewältigungs-Prozess in seinen vielen Formen. Manche Enkel führen intensive Gespräche mit ihren Großeltern, solange diese noch leben. Sie sammeln Geschichten, dokumentieren Erlebnisse, versuchen die Familien-Geschichte zu rekonstruieren. Andere haben ihre Großeltern schon verloren, ohne dass wichtige Fragen beantwortet werden konnten. Sie arbeiten mit dem, was übrig ist – mit Fotos, Briefen, mündlichen Andeutungen. Für Menschen mit ähnlichen Familien-Geschichten – nicht nur jüdisch, sondern auch mit anderen Trauma-Hintergründen – ist diese Reflexion über Schweigen und Sprechen besonders wertvoll. Trauma-Bewältigung ist eine transgenerationelle Aufgabe. Manche Familien schaffen es in einer Generation. Andere brauchen zwei oder drei. Andere schaffen es nie ganz. Andrea von Treuenfelds Buch macht diesen Prozess sichtbar und ehrt ihn.

Verantwortlichkeit der dritten Generation als zentrale Frage

Ein weiteres zentrales Motiv des Buchs: die Frage der Verantwortlichkeit. Wer, wie und warum fühlt sich jemand im Zusammenhang mit Auschwitz verantwortlich? Andrea von Treuenfeld stellt diese Frage nicht als abstrakte philosophische Übung, sondern lässt die Enkelinnen und Enkel selbst ihre Antworten geben.

Was diese Frage besonders macht: Sie berührt eines der schwierigsten Themen der Nach-Shoah-Ethik. Kann eine dritte Generation, die selbst nicht dabei war, verantwortlich sein? Für was? Für wen? Und wie? Die Antworten der Enkelinnen und Enkel sind vielfältig. Manche empfinden eine tiefe Verantwortlichkeit – als jüdische Menschen tragen sie das Erbe der Shoah in sich. Sie fühlen sich verpflichtet, das Leben der ermordeten Millionen zu ehren, indem sie ihr eigenes Leben mit Bedeutung füllen. Der Tod so vieler getöteter Verwandter und das Elend der überlebenden Großeltern darf nicht umsonst gewesen sein. Diese Motivation zieht sich durch viele Berichte. Andere Enkel fühlen sich verantwortlich als Zeug:innen und Vermittler:innen. Sie sehen es als ihre Aufgabe, die Geschichten der Großeltern weiterzutragen. Wenn die letzten Zeitzeugen sterben, wer wird ihre Geschichten erzählen? Wer wird sicherstellen, dass die Erinnerung nicht verloren geht? Die Enkelgeneration nimmt diese Aufgabe an – teils bewusst, teils aus Notwendigkeit. Wieder andere Enkel wehren sich gegen die Verantwortlichkeits-Zuschreibung. Sie wollen nicht in die Position gedrängt werden, „professionelle Erinnerer“ zu sein. Sie wollen ein normales Leben führen, in dem Auschwitz zwar Teil ihrer Familien-Geschichte ist, aber nicht ihre Identität dominiert. Diese Position ist legitim. Kein Mensch sollte gezwungen sein, seine Existenz an die Erinnerung an ein Trauma zu binden. Auch die politische Dimension der Verantwortlichkeit wird thematisiert. Manche Enkelinnen und Enkel engagieren sich politisch gegen Antisemitismus. Sie sind in Organisationen aktiv, halten Vorträge, arbeiten in Gedenkstätten. Andere sind politisch weniger sichtbar, aber engagieren sich privat – im Freundeskreis, in der Familie, im Alltag. Andere wieder sehen ihre Verantwortlichkeit vor allem in ihrem Judentum selbst – im Leben eines jüdischen Lebens als Antwort auf die Vernichtungs-Absicht der Nationalsozialisten. Für Buchsucht-Leser:innen ist diese Reflexion über Verantwortlichkeit besonders relevant. Nicht nur die Enkelinnen und Enkel von Holocaust-Überlebenden tragen Verantwortlichkeit. Wir alle – als Nachkommen der Täter-Nation, als heutige Deutsche, als heutige Europäer:innen – tragen Verantwortlichkeit. Wir sind vielleicht nicht schuldig für das, was geschah. Aber wir sind verantwortlich dafür, dass es nicht wieder geschieht. Andrea von Treuenfelds Buch ist keine Anklage. Es ist eine Einladung zur Reflexion. Wie stehen wir zu Auschwitz? Was heißt Erinnerung für uns? Wie leben wir mit dem Wissen, dass in unserem Land dieser Zivilisationsbruch möglich war? Diese Fragen sind heute – 75 Jahre nach der Befreiung, angesichts wachsender antisemitischer Vorfälle in Deutschland und Europa – aktueller denn je.

Andrea von Treuenfelds journalistische Kompetenz

Ein wichtiger Kontext für die Qualität des Buchs: Andrea von Treuenfeld ist eine erfahrene Journalistin. Sie hat in Münster Publizistik und Germanistik studiert, war Kolumnistin und Leitende Redakteurin bei renommierten Printmedien wie Welt am Sonntag und Wirtschaftswoche. Heute lebt sie in Berlin und arbeitet als freie Journalistin, spezialisiert auf Porträts und Biografien. Diese journalistische Erfahrung ist in jedem Kapitel spürbar.

Was diese Kompetenz besonders macht: Andrea von Treuenfeld weiß, wie man Interviews führt. Sie weiß, wie man zuhört, ohne zu drängen. Sie weiß, wie man Vertrauen aufbaut, das für schwierige Gespräche nötig ist. Sie weiß, wie man aus mehreren Stunden Gesprächs-Material die essenziellen Passagen destilliert, die die Persönlichkeit und Perspektive der interviewten Person am besten zum Ausdruck bringen. Diese Handwerkskunst ist die Grundlage, auf der das Buch funktioniert. Auch die thematische Vorbereitung von Andrea von Treuenfeld ist bemerkenswert. „Leben mit Auschwitz“ ist nicht ihr erstes Buch zum Thema. Es reiht sich in ein längeres publizistisches Projekt ein. „Erben des Holocaust“ behandelt die Zweite Generation. „In Deutschland eine Jüdin, eine Jeckete in Israel“ thematisiert deutsch-jüdische Identität. „Zurück in das Land, das uns töten wollte“ berichtet von Menschen, die als Kinder aus Deutschland fliehen mussten und später zurückkehrten. „Israel. Momente seiner Biografie“ ist eine journalistische Auseinandersetzung mit dem Staat Israel. Diese Reihe zeigt eine Autorin, die sich intensiv mit jüdischer Geschichte, Erinnerungs-Kultur und Nach-Shoah-Erfahrung beschäftigt hat. „Leben mit Auschwitz“ baut auf dieser jahrelangen Vorarbeit auf. Andrea von Treuenfeld ist keine Journalistin, die zum Jubiläum schnell ein Buch zum passenden Thema zusammenschustert. Sie ist eine Expertin, die aus ihrer Arbeit heraus ein weiteres wichtiges Buch geschrieben hat. Auch die Kooperation mit Kurt Grünberg ist bedeutsam. Grünberg ist einer der wichtigsten deutschen Forscher für transgenerationelle NS-Trauma-Weitergabe. Er hat am Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt gearbeitet und zahlreiche Fachpublikationen zum Thema veröffentlicht. Seine Mitwirkung am Buch – sei es durch Vorwort, Beitrag oder Beratung – gibt dem Werk eine wissenschaftliche Untermauerung. Andrea von Treuenfeld ist Journalistin, keine Trauma-Forscherin. Aber sie hat sich die richtige wissenschaftliche Expertise zur Seite geholt, um ihr Werk zu unterfüttern. Auch die Rezeption in der deutschen Feuilleton-Landschaft war positiv. Die Süddeutsche Zeitung, die Neue Westfälische und andere haben das Buch besprochen und gewürdigt. Diese Rezeption bestätigt: „Leben mit Auschwitz“ ist kein Nischen-Werk. Es ist ein wichtiger Beitrag zur deutschen Erinnerungs-Kultur, der ernst genommen wird. Für Buchsucht-Leser:innen mit Interesse an seriöser Sachbuch-Literatur ist Andrea von Treuenfeld eine wirklich wertvolle Entdeckung. Ihre Werke reihen sich in eine Tradition deutscher Zeitzeugen- und Erinnerungs-Literatur ein, die zu unseren wichtigsten kulturellen Ressourcen gehört. Autor:innen wie Ruth Klüger, Marcel Reich-Ranicki, Fritz Stern, Saul Friedländer sind Referenz-Punkte für diese Tradition. Andrea von Treuenfeld schreibt journalistisch, aber sie steht in dieser Tradition.

Warum absolut volle 5 Sterne

Ich bin normalerweise vorsichtig mit 5-Sterne-Bewertungen. Für ein Buch wie „Leben mit Auschwitz“ fallen sie mir leicht. Volle 5 Sterne aus vielen Gründen. Erstens: Das Buch erfüllt eine wichtige gesellschaftliche Funktion in einer Zeit, in der Erinnerungs-Kultur bedroht ist. Zweitens: Andrea von Treuenfeld gibt der Enkelgeneration eine Stimme, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Drittens: Die Vielfalt der Perspektiven macht das Werk repräsentativ, ohne homogen zu wirken. Viertens: Die journalistische Kompetenz der Autorin und die wissenschaftliche Fundierung durch Kurt Grünberg garantieren Qualität. Fünftens: Der Kontext der Veröffentlichung – 75 Jahre nach der Befreiung – gibt dem Buch historisches Gewicht.

Gibt es kleine Kritikpunkte? Ja. Manche Leser:innen könnten sich mehr Kontextualisierung wünschen. Andere könnten die Berichte als zu kurz empfinden – jede der Enkelinnen und Enkel könnte ein eigenes Buch füllen. Manche der Berichte sind emotional intensiver als andere. Manche Perspektiven fehlen möglicherweise. Aber all das sind Kleinigkeiten im Angesicht dessen, was das Buch leistet. „Leben mit Auschwitz“ ist kein Unterhaltungs-Roman. Es ist keine leichte Lektüre. Es ist eine Verpflichtung – zur Erinnerung, zur Reflexion, zur Verantwortlichkeit. Für alle Buchsucht-Leser:innen mit Interesse an deutscher Geschichte, an jüdischer Erinnerungs-Kultur, an transgenerationeller Trauma-Forschung, an Erinnerungs-Arbeit gegen das Vergessen: absolute Pflichtlektüre. Für Menschen, die selbst familiäre Verbindungen zur Shoah haben – als Nachkommen von Überlebenden oder als Nachkommen von Täter:innen oder als Nachkommen von Zeitzeug:innen einer der Bystander-Rollen: unbedingt lesen. Für alle jungen Menschen, die in einer Welt aufwachsen, in der der Antisemitismus wieder wächst: dringend empfohlen. Andrea von Treuenfeld hat mit „Leben mit Auschwitz“ ein Buch geschrieben, das über die aktuelle Rezeption hinaus Bestand haben wird. Es ist ein Werk gegen das Vergessen. Es ist ein Beitrag zur Menschlichkeit. Es ist ein Mahnmal in Worten. Und ich empfehle es mit vollem Herzen und mit ganzem Ernst.

✅ Was mich überzeugt hat

  • Enkelgeneration spricht direkt zu uns
  • Vielfalt der Perspektiven und Lebensentwürfe
  • Reflexion über Schweigen als Trauma-Muster
  • Frage der Verantwortlichkeit differenziert behandelt
  • Kurt Grünberg als wissenschaftliche Fundierung
  • Fotos und Lebensdaten geben Menschen Gesicht
  • Journalistische Qualität ohne Anmaßung
  • Wichtiger Beitrag zur Erinnerungs-Kultur
  • Zum 75. Jahrestag der Befreiung
  • Gegen das Vergessen

❌ Kleine Einschränkungen

  • Berichte teilweise kurz gehalten
  • Manche Perspektiven möglicherweise ausgespart
  • Emotional herausfordernde Lektüre
  • Kein Unterhaltungs-Buch
  • Setzt Vorwissen über Shoah voraus

Mein Fazit

„Leben mit Auschwitz“ von Andrea von Treuenfeld ist ein wichtiges Sachbuch gegen das Vergessen und ein wertvoller Beitrag zur deutschen Erinnerungs-Kultur. Die Berliner Journalistin lässt die Enkelinnen und Enkel von Auschwitz-Überlebenden selbst zu Wort kommen. Ihre persönlichen Berichte in ihrer bemerkenswerten Vielfalt – geografisch, politisch, religiös, emotional – zeigen, wie unterschiedlich die Dritte Generation mit dem Erbe der Shoah umgeht. Das Schweigen der Großeltern und Eltern als Trauma-Muster wird sensibel dokumentiert. Die Frage der Verantwortlichkeit wird differenziert behandelt. Andrea von Treuenfelds journalistische Kompetenz und die wissenschaftliche Fundierung durch den renommierten Trauma-Forscher Kurt Grünberg garantieren Qualität. Zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz erschienen, ist das Werk historisch gewichtig und aktuell relevant.

Meine ehrliche Bewertung: 5 von 5 Sternen. Ein Mahnmal in Worten. Für alle mit Interesse an deutscher Geschichte, an jüdischer Erinnerungs-Kultur, an transgenerationeller Trauma-Forschung: absolute Pflichtlektüre. Für Menschen mit eigenen familiären Verbindungen zur Shoah – als Nachkommen von Überlebenden oder von Täter:innen oder von Bystander:innen: unbedingt lesen. Für junge Menschen, die in einer Welt aufwachsen, in der Antisemitismus wieder wächst: dringend empfohlen. Andrea von Treuenfelds Reihe an Büchern zu jüdischer Geschichte und Erinnerungs-Kultur bei Gütersloher Verlagshaus ist eine der wichtigsten deutschen publizistischen Leistungen der letzten Jahre. „Leben mit Auschwitz“ ist ein weiterer wertvoller Baustein in diesem Werk. Ich empfehle es mit vollem Herzen und mit ganzem Ernst gegen das Vergessen.

Für wen ist das Buch geeignet?
Für alle mit Interesse an deutscher Geschichte und Erinnerungs-Kultur. Für Menschen mit Interesse an jüdischer Geschichte in Deutschland und weltweit. Für Interessierte an transgenerationeller Trauma-Forschung und Psycho-Historie. Für Leser:innen mit familiären Verbindungen zur Shoah – als Nachkommen von Überlebenden, Täter:innen oder Bystander:innen. Für Lehrer:innen, die den Holocaust im Unterricht behandeln. Für Studierende der Geschichte, Judaistik, Soziologie, Psychologie. Für Menschen im Bildungs-, Kultur- und Sozialbereich. Für alle mit Interesse an aktuellen antisemitismus-kritischen Debatten. Für Leser:innen von Ruth Klüger, Marcel Reich-Ranicki, Fritz Stern, Saul Friedländer und ähnlichen Werken. Für Menschen, die sich mit ihrer eigenen Verantwortlichkeit als heutige Deutsche auseinandersetzen möchten. Für alle Bibliotheken, Gedenkstätten und Bildungs-Einrichtungen als wertvolle Ressource. Für private Buchsammlungen als Standard-Werk der Erinnerungs-Kultur.

Eher nicht geeignet für:
Wer leichte Unterhaltungs-Lektüre sucht – dies ist kein Buch für gemütliche Herbstabende. Menschen in aktuellen psychischen Krisen, die durch die schweren Themen zusätzlich belastet werden könnten – bitte achtsam abwägen. Kinder und Jugendliche unter 16 nicht optimal geeignet ohne pädagogische Begleitung. Wer keinerlei Vorwissen über die Shoah hat – für Einsteiger:innen sind andere Werke wie Anne Franks Tagebuch oder Elie Wiesels „Die Nacht“ geeigneter. Menschen mit Trauma-Aversion – die Themen sind unausweichlich schwer. Wer klassische Roman-Erzählstrukturen erwartet – dies ist ein Sachbuch mit Interview-Struktur. Fans reiner Unterhaltungs-Literatur ohne gesellschaftliche Reflexion.

📚 Lust bekommen, das Buch zu lesen?

Jetzt bei Amazon ansehen →

* Affiliate-Link: Wenn du über diesen Link kaufst, erhalte ich eine kleine Provision. Für dich entstehen keine Mehrkosten. Vielen Dank für deine Unterstützung!

Welche Werke zur deutschen Erinnerungs-Kultur haben dich besonders geprägt? Wie stehst du zur Frage der transgenerationellen Verantwortlichkeit? Kennst du weitere Bücher, die die Perspektive der Nachkommen von Shoah-Überlebenden oder Täter:innen zeigen? Schreib mir gerne in die Kommentare – aber bitte respektvoll und im Bewusstsein der Ernsthaftigkeit des Themas.

Da ist was schiefgelaufen. Versuch's bitte gleich nochmal.
Fast geschafft! 📖 Schau in dein Postfach und bestätige kurz deine Anmeldung – dann kommt dein Lese-Tracker zu dir.

📚 Lust auf deinen nächsten Lieblingsroman?

Schnapp dir meinen kostenlosen Lese-Tracker und bekomm jeden Monat handverlesene Buchtipps direkt ins Postfach – ehrlich, persönlich und ohne Spam. 💌

Wir verwenden Brevo als unsere Marketing-Plattform. Indem du das Formular absendest, erklärst du dich einverstanden, dass die von dir angegebenen persönlichen Informationen an Brevo zur Bearbeitung übertragen werden gemäß den Datenschutzerklärung von Brevo.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Jessica

📚 Hi, ich bin Jessica

Buchblogger aus Leidenschaft. Hier teile ich meine ehrlichen Meinungen zu Büchern, die mich begeistert oder ruiniert haben.

🔍 Suche

🏷️ Kategorien

💌 Newsletter

Bald bekommst du hier meine Lieblings-Bücher direkt ins Postfach. Stay tuned!