Frederick Forsyth: Des Teufels Alternative

Frederick Forsyth gilt als einer der größten Politthriller-Autoren der Welt. „Des Teufels Alternative“ wird von vielen sogar als sein Meisterwerk gefeiert. Ich habe das Buch gelesen – und stehe ziemlich allein mit der Meinung: Hier ging mir vieles zu langsam, zu technisch und zu konstruiert. Eine ehrliche, kritische Stimme zum Klassiker.

📖 Buchdaten

Titel:Des Teufels Alternative
Autor:Frederick Forsyth (1938–2025)
Übersetzung:Wulf Bergner
Originaltitel:The Devil’s Alternative (1979)
Genre:Politthriller / Spionageroman / Kalter Krieg
Reihe:Einzelband
Verlag:Piper Verlag
Erschienen:Deutsche Erstausgabe 1980, vielfache Neuauflagen
Seitenzahl:512 Seiten
Einband:Taschenbuch
ISBN:978-3-492-30215-9

⭐⭐☆☆☆

2 von 5 Sternen

Akribisch recherchiert, aber zu langatmig und zu technisch für meinen Lesegeschmack.

Worum geht’s?

Sommer 1982. Die Sowjetunion steht vor einer katastrophalen Missernte – eine Hungersnot droht. Im Politbüro entbrennt ein gnadenloser Machtkampf zwischen den Falken um Chefideologe Wischnajew, die einen Einmarsch in Westeuropa fordern, um sich Weizenvorräte zu sichern, und den Tauben, die diplomatische Lösungen suchen. Der britische Agent Adam Munro versucht, über eine Geheimnisträgerin Informationen aus dem Kreml zu beschaffen.

Parallel dazu plant der Engländer Andrew Drake (alias Andrej Drach) einen Privatkrieg gegen den Kreml. Ukrainische Autonomisten kapern in der Nordsee den größten Öltanker der Welt und erpressen Ost und West gleichermaßen. Während sich die Handlungsstränge zusammenführen, gerät die Welt an den Rand des Abgrunds – und nur einer kennt den Ausweg, der zur titelgebenden „Alternative des Teufels“ wird.

Spannender Hinweis: Das Buch wurde 1979 geschrieben – die zentralen Themen Ukraine-Konflikt, russisch-sowjetische Innenpolitik und westeuropäische Energieabhängigkeit klingen heute, fast 50 Jahre später, geradezu prophetisch. Das macht „Des Teufels Alternative“ auf eine fast unheimliche Weise aktuell.

Meine Meinung

Schreibstil & Sprache

Forsyth schreibt sachlich, präzise und mit der Detailtreue eines investigativen Journalisten – der er ja auch war. Sein Stil ähnelt eher einem dokumentarischen Bericht als einem klassischen Roman. Wer das mag, wird hier glücklich. Wer beim Lesen aber auch Atmosphäre, sprachliche Bilder und einen mitreißenden Erzählton sucht, könnte enttäuscht werden.

Die deutsche Übersetzung von Wulf Bergner ist solide, kann aber nicht über den grundsätzlich nüchternen Ton hinwegtäuschen. Forsyth schreibt nicht, um zu unterhalten, sondern um zu erklären – und das spürt man auf jeder Seite. Mein Problem: Ich lese Thriller, um mitgerissen zu werden. Bei Forsyth bekam ich oft das Gefühl, ein Sachbuch über die Politik des Kalten Krieges zu lesen.

Recherche & Authentizität

Was ich Forsyth uneingeschränkt zugestehe: Seine Recherche ist beeindruckend. Politische Strukturen im Kreml, Funktionsweisen von Geheimdiensten, technische Details zu Tankerbau und Marineoperationen – alles bis ins Detail richtig recherchiert. Wer Interesse an geopolitischen Mechanismen hat, lernt hier wirklich etwas.

Genau diese Tiefe ist aber auch der Stolperstein. Forsyth verliert sich auf vielen Seiten in technischen Beschreibungen, Tankertonnage, Funkprotokollen und diplomatischen Hierarchien, die für die eigentliche Story keinen Mehrwert bringen. Ich habe oft ganze Absätze überflogen, ohne dass mir wichtige Information entgangen wäre. Das ist für einen Thriller schlicht zu viel.

Pacing & Spannung

Hier liegt für mich der größte Schwachpunkt. Die ersten zwei Drittel des Buches plätschern dahin. Mehrere Handlungsstränge werden parallel aufgebaut, aber lange ohne erkennbare Verbindung. Pläne werden detailliert beschrieben, dann Schritt für Schritt ausgeführt – wenig Raum für Überraschungen, vieles vorhersehbar. Wer auf einen klassischen Sog mit konstanter Spannung hofft, wird hier ausgebremst.

Erst im letzten Drittel, wenn die Handlungsstränge zusammenlaufen und die Tankerkaperung beginnt, zieht das Tempo an. Hier zeigt Forsyth, was er kann: dichte Spannung, plötzliche Wendungen, ein bedrückendes Endspiel mit echten Stakes. Aber: Bis dahin muss man durchhalten. Und das fällt schwer, wenn die ersten 300 Seiten sich anfühlen wie eine Vorlesung in Politikwissenschaft.

Figuren

Forsyth interessiert sich nicht wirklich für seine Figuren als Menschen. Sie sind Schachfiguren auf einem geopolitischen Brett, definiert durch ihre Funktion – britischer Agent, ukrainischer Aktivist, sowjetischer Politiker, US-Präsident. Charaktertiefe, emotionale Innenwelten, persönliche Konflikte abseits der Mission? Fehlanzeige.

Adam Munro als britischer Hauptagent ist als Figur zu glatt. Andrew Drake als idealistischer Rebell wird zwar mehr beleuchtet, aber bleibt funktional. Die einzige weibliche Figur ist im Wesentlichen Mittel zum Zweck – das mag der Zeit von 1979 geschuldet sein, wirkt heute aber sehr antiquiert. Wer aus modernen Thrillern komplexe, ambivalente Figuren gewohnt ist, wird hier nichts Vergleichbares finden.

Was trotzdem hängenbleibt

Ich will fair sein: Trotz meiner Kritik gibt es Aspekte, die ich anerkennen muss. Der Plot ist ambitioniert und gut konstruiert. Forsyth jongliert souverän mit mehreren Schauplätzen – Kreml, Washington, London, Türkei, Nordsee – und bringt sie am Ende zu einem stimmigen Finale zusammen. Die titelgebende „Alternative des Teufels“ als moralisches Dilemma ist tatsächlich gut ausgespielt.

Auch geopolitisch ist das Buch fast unheimlich vorausschauend: Ukraine-Bewegungen, Energie als geopolitisches Druckmittel, sowjetische Innenkämpfe, westeuropäische Abhängigkeiten. Was Forsyth 1979 entwarf, klingt 2026 wie eine Beschreibung der Gegenwart. Allein deshalb ist das Buch historisch und politisch interessant – nur eben nicht zwingend ein guter Thriller.

✅ Was mir gefallen hat

  • Beeindruckende Recherche und Detailtiefe
  • Geopolitisch fast prophetisch
  • Letztes Drittel wirklich packend
  • Ambitionierte Plot-Konstruktion
  • Lehrreich zu Politik des Kalten Krieges

❌ Was mich gestört hat

  • Erste zwei Drittel deutlich zu langatmig
  • Zu viele technische Beschreibungen ohne Mehrwert
  • Nüchterner, fast dokumentarischer Stil
  • Figuren bleiben funktional und flach
  • Frauenrolle wirkt heute antiquiert
  • Vieles vorhersehbar

Mein Fazit

„Des Teufels Alternative“ ist ein Buch, vor dem ich Respekt habe – aber das ich nicht genießen konnte. Forsyth ist zweifellos ein brillanter Rechercheur und politisch erstaunlich vorausschauend. Aber sein nüchterner, technischer Stil und die fehlende emotionale Tiefe seiner Figuren haben mich auf 512 Seiten oft an die Grenze meiner Geduld gebracht.

Wer dokumentarische Politthriller liebt und für jedes geopolitische Detail dankbar ist, wird hier vermutlich glücklich. Ich habe gemerkt, dass es nicht mein Genre ist – und gebe ehrliche 2 Sterne. Wahrscheinlich werde ich von Forsyth nichts mehr lesen, aber ich nehme mit: Das Buch hat seinen Klassiker-Status nicht ohne Grund.

Für wen ist das Buch geeignet?
Für Fans dokumentarisch geprägter Politthriller im Stil von Tom Clancy, Robert Ludlum oder John le Carré. Für alle, die Spaß an geopolitischen Mechaniken, Spionagedetails und Kalten-Kriegs-Atmosphäre haben. Auch lesenswert für historisch und politisch Interessierte, die nachvollziehen wollen, wie aktuelle Konflikte schon vor 50 Jahren angedacht waren.

Eher nicht geeignet für:
Leser:innen, die schnelles Pacing, atmosphärische Beschreibungen und vielschichtige Figuren erwarten. Auch nichts für dich, wenn du moderne Thriller mit emotionalen Tiefen und überraschenden Twists gewohnt bist – Forsyth schreibt anders, und das muss man mögen.

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