Clarice Lispector: Aber es wird regnen

Clarice Lispector: Aber es wird regnen

Die „Virginia Woolf Südamerikas“ wird sie genannt – eine der größten brasilianischen Stimmen des 20. Jahrhunderts. Clarice Lispectors späte Erzählungen wurden zum 100. Geburtstag der Autorin neu übersetzt und gefeiert. Ich habe „Aber es wird regnen“ gelesen und ehrlich gesagt: Ich habe gekämpft. Eine respektvolle, aber kritische Auseinandersetzung mit literarisch hochgelobten Texten, die nicht jede:n abholen.

📖 Buchdaten

Titel:Aber es wird regnen – Sämtliche Erzählungen II
Autorin:Clarice Lispector (1920–1977)
Herausgeber:Benjamin Moser
Übersetzung:Luis Ruby (aus dem brasilianischen Portugiesisch)
Genre:Literarische Belletristik / Erzählungen / Klassische Moderne
Reihe:Band 2 der „Sämtliche Erzählungen“ (nach „Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau“)
Verlag:Penguin Verlag
Erschienen:2020 (zum 100. Geburtstag der Autorin)
Seitenzahl:282 Seiten
Einband:Hardcover (auch als E-Book)
ISBN:978-3-328-60095-4
Besonderheit:44 Erzählungen, Platz 1 der SWR Bestenliste

⭐⭐⭐☆☆

3 von 5 Sternen

Literarisch zweifellos bedeutend – mich persönlich konnten die Erzählungen aber nur stellenweise erreichen.

Worum geht’s?

Clarice Lispector wurde 1920 als Tochter jüdischer Eltern in der heutigen Ukraine geboren, floh als Kleinkind mit ihrer Familie vor Pogromen nach Brasilien und wuchs im ärmlichen Nordosten des Landes auf. Aus diesen Wurzeln entwickelte sie sich zu einer der prägendsten literarischen Stimmen Südamerikas – eine Autorin, die mit Virginia Woolf, Franz Kafka und James Joyce in einem Atemzug genannt wird.

„Aber es wird regnen“ versammelt 44 Erzählungen aus den späten Schaffensjahren der Autorin, neu übersetzt von Luis Ruby und herausgegeben vom Lispector-Biographen Benjamin Moser. Die Texte kreisen um Frauenfiguren in unterschiedlichen Lebenslagen: junge Mädchen, Hausangestellte, alte Frauen, Beobachterinnen ihrer selbst. Es geht um Demütigung und Ekstase, um Alltag und Abgründe, um winzige Momente, in denen sich Existenz verdichtet.

Meine Meinung

Schreibstil & Sprache

Clarice Lispectors Sprache ist ohne Frage außergewöhnlich. Sie schreibt nicht handlungsgetrieben, sondern atmosphärisch. Ihre Sätze tasten sich an die Wirklichkeit heran, scheitern, setzen neu an, finden im scheinbar Banalen das Existenzielle. Wer literarische Moderne im Stil von Virginia Woolf, Marguerite Duras oder Katherine Mansfield liebt, wird hier fündig.

Besonders hervorzuheben ist die Übersetzungsleistung von Luis Ruby. Lispector zu übersetzen ist eine Mammutaufgabe – ihre Sprachbilder, ihre Verschiebungen, ihre poetische Verdichtung lassen sich kaum eins zu eins ins Deutsche bringen. Ruby gelingt das in vielen Passagen außergewöhnlich gut. Seine Arbeit am ersten Band war für den Preis der Leipziger Buchmesse 2020 nominiert – verdient, soweit ich das beurteilen kann.

Mein persönliches Lese-Erlebnis

Hier wird es ehrlich. Ich habe mit diesem Buch gekämpft. Lispectors Erzählungen sind dicht, fordernd und entziehen sich oft jeder konventionellen Erwartung. Es gibt keine klassischen Handlungsbögen, oft keine klaren Schlüsse, manchmal sogar bewusste Unschärfen. Wer Geschichten erwartet, die einen mitnehmen und auflösen, wird hier ausgebremst.

Ich habe das Buch nicht in einem Rutsch gelesen, sondern – auf Empfehlung anderer Leser:innen – in kleinen Häppchen verteilt über mehrere Wochen. Eine Erzählung hier, eine andere dort. Das half. Trotzdem blieben viele Texte für mich verschlossen. Lispector ist eine Autorin, die nicht zu jeder Lese-Lebensphase passt. Vielleicht war für mich gerade nicht der richtige Moment für sie.

Themen & Frauenstimmen

Was ich uneingeschränkt schätze: Lispector schreibt mit gnadenloser Präzision über weibliche Existenzen. Eine junge Frau, die das ekstatische Glück des Lesens entdeckt. Ein Hausmädchen in melancholischen Stunden. Eine alternde Frau, die sich selbst fremd geworden ist. Diese Texte sind feinste psychologische Studien – und sie wirken auch heute, fast 50 Jahre nach Lispectors Tod, frisch und relevant.

Lispector beschreibt ihre Figuren laut Biograph Benjamin Moser „grausam und brutal“, aber gleichzeitig „liebevoll und in einer wunderschönen Sprache“. Diese Beobachtung trifft es: Es gibt keine Sentimentalität in diesen Erzählungen, aber tiefes Verständnis. Wer literarische Frauenporträts wie bei Annie Ernaux oder Marguerite Duras schätzt, wird hier definitiv etwas finden.

Struktur & Zugänglichkeit

44 Erzählungen auf 282 Seiten – das klingt nach machbarem Umfang, ist aber täuschend. Jede Erzählung verlangt Aufmerksamkeit, viele wollen wieder gelesen werden, manche bleiben rätselhaft. Das Buch ist kein Buch, das man liest – es ist eines, mit dem man arbeitet.

Für komplette Lispector-Anfänger:innen wie mich (ich hatte vorher weder Band 1 noch ihre Romane gelesen) ist der Einstieg ohne Vorwissen über die Autorin und ihren Stil herausfordernd. Hier hätte ich mir gewünscht, vorher die Biographie von Benjamin Moser („Clarice Lispector – Eine Biographie“) oder zumindest Band 1 zu lesen. Wer sich auf Lispector einlassen möchte, sollte den Einstieg also nicht überstürzen.

Was ich trotz Schwierigkeiten mitnehme

Auch wenn ich nicht alle Erzählungen gleichermaßen lieben konnte: Einige sind mir hängengeblieben. Da gibt es Momente, in denen Lispector eine Beobachtung trifft, die so präzise ist, dass man das Buch kurz weglegt. Eine Geste, ein Gedanke, eine Empfindung – auf einer halben Seite verdichtet zu einer Wahrheit, die man nicht in Worte fassen könnte, weil sie genau hier in Worte gefasst wurde.

Für diese Momente hat sich die Lektüre gelohnt – auch wenn ich am Ende froh war, das Buch geschafft zu haben. Vielleicht ist das die ehrlichste Form, einer Autorin zu begegnen, die offensichtlich zu Recht zu den größten ihrer Zeit gezählt wird: mit Respekt, aber auch mit dem Eingeständnis, dass man nicht alles versteht.

✅ Was mir gefallen hat

  • Außergewöhnliche, poetische Sprache
  • Hervorragende Übersetzung von Luis Ruby
  • Präzise psychologische Frauenstudien
  • Einzelne Erzählungen mit echter Wucht
  • Literarisch wichtige, wiederentdeckte Stimme
  • Schöne, hochwertige Hardcover-Ausgabe

❌ Was mich gestört hat

  • Für Lispector-Neulinge schwer zugänglich
  • Keine klassischen Erzählbögen
  • Manche Texte bleiben verschlossen
  • Hoher Konzentrationsaufwand
  • Ohne Vorwissen schwer einzuordnen

Mein Fazit

„Aber es wird regnen“ ist zweifellos literarisch bedeutsam – aber ich persönlich konnte mit den Texten nur teilweise warm werden. Das liegt klar an mir, nicht an Lispector. Wer literarische Moderne im Stil von Virginia Woolf liebt, sich auf experimentelles Erzählen einlässt und Geduld für poetische Verdichtung mitbringt, wird hier ein Schatzbuch finden. Wer eingängiges, handlungsgetriebenes Lesen mag, wird vermutlich kämpfen.

Ehrliche 3 Sterne – mit dem klaren Hinweis, dass dies eine persönliche Erfahrung ist. Lispector ist eine der wichtigen literarischen Stimmen des 20. Jahrhunderts, und wer das Glück hat, einen Zugang zu ihr zu finden, wird mit einer einzigartigen Leseerfahrung belohnt. Mein Tipp: Wer einsteigen möchte, sollte vielleicht erst Band 1 lesen oder eine ihrer Romane wie „Nahe dem wilden Herzen“. Der Einstieg über die späten Erzählungen ist anspruchsvoll.

Für wen ist das Buch geeignet?
Für Leser:innen literarisch ambitionierter Belletristik, Fans von Virginia Woolf, Marguerite Duras, Annie Ernaux oder Katherine Mansfield. Für alle, die sich für brasilianische Literatur und die internationale Moderne des 20. Jahrhunderts interessieren. Auch passend für literarische Lesekreise, in denen Texte gemeinsam diskutiert werden.

Eher nicht geeignet für:
Leser:innen, die handlungsgetriebene Texte oder eingängige Wohlfühl-Lektüre suchen. Auch nichts für dich, wenn du erstmals mit literarischer Moderne in Berührung kommst – hier sind Woolfs „Mrs Dalloway“ oder Mansfield-Erzählungen vielleicht der bessere Einstieg.

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Hattest du auch schon mal das Gefühl, eine literarische Größe nicht ganz zu verstehen, obwohl alle sie feiern? Wie gehst du damit um? Schreib mir gerne in die Kommentare – ich bin sehr gespannt!

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Jessica

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