Albert Ellis: Training der Gefühle

Albert Ellis: Training der Gefühle

„Sie können sich aussuchen, ob Sie unglücklich sind.“ Klingt provokant, ist aber eine der Kernthesen von Albert Ellis, einem der einflussreichsten Psychotherapeuten des 20. Jahrhunderts. Sein Buch verspricht ein „Training der Gefühle“ – also die Kontrolle der eigenen Emotionen durch bewusstes Denken. Ich habe es gelesen und stehe zwiegespalten da: spannender Ansatz, aber durchwachsene Umsetzung.

📖 Buchdaten

Titel:Training der Gefühle – Wie Sie sich hartnäckig weigern, unglücklich zu sein
Autor:Dr. Albert Ellis (1913–2007)
Originaltitel:How to Stubbornly Refuse to Make Yourself Miserable About Anything – Yes, Anything!
Genre:Sachbuch / Psychologie / Selbsthilfe / Verhaltenstherapie
Reihe:Einzelband
Verlag:mvg Verlag (Münchner Verlagsgruppe)
Erschienen:26. Juli 2006 (aktualisierte und erweiterte Neuauflage)
Seitenzahl:288 Seiten
Einband:Taschenbuch
Preis:ca. 15,90 €
ISBN:978-3-636-06283-3

⭐⭐⭐☆☆

3 von 5 Sternen

Wertvoller Grundansatz, aber inhaltlich repetitiv – das Buch hätte halb so lang sein können.

Worum geht’s?

Albert Ellis war einer der prägendsten Psychotherapeuten Amerikas und Begründer der Rational-Emotiven Verhaltenstherapie (REVT). Sein Grundgedanke: Nicht die Ereignisse selbst machen uns unglücklich, sondern unsere Bewertung dieser Ereignisse. Wer lernt, irrationale Gedanken zu erkennen und zu hinterfragen, kann emotionalen Stress, Angst und Depression deutlich reduzieren.

Im Zentrum stehen drei Hauptdenkfehler, die Ellis als „Mussturbationen“ bezeichnet: „Ich muss ständig gute Leistungen erbringen, sonst bin ich nichts wert“, „Du musst mich rücksichtsvoll behandeln, sonst bist du unmöglich“ und „Mein Leben muss meine Wünsche erfüllen, sonst ist es unerträglich“. Ellis zeigt, wie diese Denkmuster zu Unzufriedenheit, Wut und Verzweiflung führen – und wie man sie systematisch durch rationalere Überzeugungen ersetzt.

Meine Meinung

Schreibstil & Sprache

Albert Ellis schreibt direkt, oft humorvoll und mit der Selbstsicherheit eines Mannes, der seine Methode jahrzehntelang in der Praxis bewährt hat. Er ist kein Freund von Schnörkeln oder zurückhaltenden Formulierungen – wenn er findet, dass seine Leser:innen sich selbst sabotieren, sagt er es ihnen direkt. Diese Direktheit ist erfrischend und gleichzeitig herausfordernd.

Die deutsche Übersetzung ist solide. Allerdings gehen einige der englischen Wortspiele und der amerikanische Therapie-Sprech im Deutschen leicht verloren. Stellenweise wirkt der Text etwas hölzern oder altmodisch, was bei einem Werk von 1988 mit Übersetzung Anfang der 2000er nicht überrascht.

Der Kerngedanke der REVT

Was Ellis vermittelt, ist absolut wertvoll. Die Rational-Emotive Verhaltenstherapie gehört bis heute zu den wirksamsten Therapieformen bei Angststörungen, Depression und Selbstwertproblemen – wissenschaftlich gut belegt und Grundlage der modernen kognitiven Verhaltenstherapie. Wer die Grundprinzipien einmal verstanden hat, hat ein mächtiges Werkzeug zur Selbstreflexion zur Hand.

Das ABC-Schema (Activating Event – Beliefs – Consequences) ist eine elegant einfache Methode, eigene Gefühle zu analysieren: Was ist passiert? Was habe ich darüber gedacht? Welche Gefühle und Verhaltensweisen folgten daraus? Genau hier lernt man, dass das mittlere B – die eigene Bewertung – die entscheidende Stellschraube ist, nicht das Ereignis selbst.

Aufbau & Struktur

Strukturell ist das Buch in mehrere Hauptbereiche gegliedert: Grundlagen der REVT, die zentralen Denkfehler, konkrete Techniken zur Hinterfragung irrationaler Überzeugungen und Anwendungsbeispiele für verschiedene Lebensbereiche – Beziehung, Beruf, Selbstwert, Angstbewältigung. Klingt nach klarer Struktur, ist es leider aber nur bedingt.

Mein Problem: Die Kapitel überlappen sich inhaltlich stark. Ellis wiederholt seine Hauptthesen immer wieder – mit leicht anderen Beispielen, aber im Kern ist es dieselbe Aussage. Das mag aus didaktischer Sicht sogar gewollt sein (Wiederholung festigt Verständnis), aber für mich als Leser:in wurde es ermüdend. Spätestens ab der Hälfte hatte ich das Gefühl, alles bereits gehört zu haben.

Praxistauglichkeit – mein ehrlicher Eindruck

Hier muss ich ehrlich sein: Ich habe die Übungen nicht systematisch angewendet. Beim Lesen habe ich oft genickt und gedacht „ja, das macht Sinn“ – aber den Schritt vom Verstehen zum tatsächlichen Üben habe ich nicht konsequent gemacht. Das hat Ellis übrigens vorhergesagt: Sein größter Kritikpunkt an Leser:innen ist genau das Phänomen, theoretisch zu verstehen, aber praktisch nichts zu tun.

Was ich vermisst habe: konkrete, strukturierte Übungsanleitungen mit Platz zum Eintragen, Fragebögen, vielleicht ein Reflexions-Workbook-Charakter. Das Buch ist eher Vortrag als Workshop – wer wirklich praktisch arbeiten möchte, sollte zusätzlich ein REVT-Arbeitsbuch oder besser noch professionelle Begleitung in Anspruch nehmen.

Wo das Buch an Grenzen stößt

Wichtige Einordnung: Selbsthilfebücher wie dieses sind kein Ersatz für professionelle therapeutische Unterstützung. Ellis selbst räumt das ein – aber das geht in der Lektüre manchmal etwas unter. Wer mit Depression, Angsterkrankungen oder Traumata kämpft, sollte sich nicht ausschließlich auf ein Buch verlassen, sondern professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Die REVT wirkt am besten begleitet durch eine ausgebildete Fachperson.

Was mir an manchen Stellen auch fehlt: Empathie für die Komplexität menschlicher Probleme. Ellis ist sehr direkt – manchmal so direkt, dass es leicht abschätzig wirkt, wenn er Leser:innen ihre „irrationalen Glaubenssätze“ vorhält. Wer gerade in einer schwierigen Phase ist, könnte sich dadurch eher schlecht fühlen als ermutigt.

✅ Was mir gefallen hat

  • Wissenschaftlich fundierter Grundansatz
  • ABC-Schema als wirkungsvolles Reflexionswerkzeug
  • Direkter, klarer Schreibstil ohne Esoterik
  • Behandelt viele Lebensbereiche (Beziehung, Beruf, Selbstwert)
  • Klassiker mit nachhaltigem Einfluss auf die Verhaltenstherapie

❌ Was mich gestört hat

  • Inhaltlich stark repetitiv
  • Wenig praktische Übungsstruktur
  • Direktheit grenzt manchmal an Härte
  • Hätte auf 150 Seiten dasselbe vermitteln können
  • Sprache wirkt teils altmodisch

Mein Fazit

„Training der Gefühle“ ist ein wichtiges Buch mit einem wirklich wertvollen Kerngedanken – aber die Umsetzung zieht sich. Wer noch nie etwas über kognitive Verhaltenstherapie gelesen hat, bekommt hier eine fundierte Einführung in einen der erfolgreichsten Therapieansätze der modernen Psychologie. Wer aber schon mit ähnlichen Werken vertraut ist, wird vermutlich wenig wirklich Neues finden.

Ich gebe ehrliche 3 Sterne. Der Inhalt ist gut, die Methode ist gut, der Autor ist eine echte Größe seines Fachs – aber das Buch selbst hätte deutlich kürzer und praktischer aufgebaut sein können. Mein Tipp: Wer ernsthaft mit der REVT arbeiten möchte, ist mit ergänzenden Übungsbüchern oder professioneller Begleitung besser bedient.

Für wen ist das Buch geeignet?
Für alle, die sich erstmals mit kognitiver Verhaltenstherapie auseinandersetzen wollen. Für Menschen, die offen für direkten, unverblümten Selbstreflexions-Sound sind. Auch interessant für Psychologie-Studierende oder Therapeut:innen in Ausbildung, die einen der Klassiker des Faches kennenlernen möchten.

Eher nicht geeignet für:
Leser:innen, die akut mit Depression, schweren Angststörungen oder Traumata kämpfen – hier ist professionelle therapeutische Begleitung der wichtigere Schritt. Auch nichts für dich, wenn du strukturierte Workbook-Übungen brauchst, oder wenn du Selbsthilfebücher mit empathischer, behutsamer Sprache bevorzugst.

💛 Wichtiger Hinweis: Selbsthilfebücher sind eine wertvolle Ergänzung, aber kein Ersatz für professionelle psychotherapeutische Unterstützung. Wenn du dich akut belastet fühlst, scheue dich nicht, dir Hilfe zu holen – Hausärzt:innen oder Therapeut:innen sind erste gute Ansprechpartner:innen.

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Jessica

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