⚠️ Inhaltswarnung: Dieser Krimi behandelt Themen wie Prostitution, Drogenabhängigkeit, sexualisierte Gewalt und wirtschaftliche Ausbeutung. Die folgende Rezension geht respektvoll mit diesen Inhalten um, erwähnt sie aber konkret. Bitte lies nur weiter, wenn du dich dem gewachsen fühlst.
Eine junge Frau, tot auf dem Grab eines isländischen Nationalhelden. Eine helle Sommernacht, in der nichts ruht. Ein Kommissar, dessen eigenes Leben in Trümmern liegt. Arnaldur Indriðasons „Todesrosen“ ist mein erster Erlendur-Krimi gewesen – und hat mich neugierig auf eine ganze Reihe gemacht. Ein solider, atmosphärischer Skandi-Krimi mit kleinen Schwächen.
📖 Buchdaten
| Titel: | Todesrosen – Erlendur Sveinssons 2. Fall |
| Autor: | Arnaldur Indriðason (*1961 in Reykjavík) |
| Übersetzung: | Coletta Bürling (aus dem Isländischen) |
| Originaltitel: | Dauðarósir (1998) |
| Genre: | Krimi / Island-Krimi / Skandinavienkrimi / Polizeiroman |
| Reihe: | Erlendur Sveinsson, Band 2 (von 14) |
| Verlag: | Bastei Lübbe (Taschenbuch), Edition Lübbe (Hardcover) |
| Erschienen: | Deutsche Erstausgabe 2008, Taschenbuch 2009 |
| Seitenzahl: | 304 Seiten |
| Einband: | Taschenbuch (auch als E-Book und Hörbuch) |
| ISBN: | 978-3-404-16345-8 |
| Besonderheit: | Indriðason erhielt für die Erlendur-Reihe u. a. den Nordic Crime Novels Award und den Golden Dagger Award |
⭐⭐⭐⭐☆
4 von 5 Sternen
Atmosphärischer, sozialkritischer Island-Krimi mit einem unvergesslichen Ermittler – kleine Schwächen im Spannungsaufbau.
Worum geht’s?
Reykjavík, in einer hellen isländischen Sommernacht. Auf dem mit Blumen geschmückten Grab des isländischen Freiheitskämpfers Jón Sigurðsson wird die nackte Leiche einer jungen Frau gefunden. Kommissar Erlendur Sveinsson und seine Kolleg:innen Sigurður Óli und Elínborg von der Kripo Reykjavík stehen vor einem Rätsel: Wer war die Tote? Warum wurde sie ausgerechnet hier abgelegt? Welche Botschaft steckt hinter dieser makabren Inszenierung?
Schnell wird klar, dass die Tote drogenabhängig war. Die Ermittlungen führen Erlendur und sein Team tief in die Drogen- und Sexarbeitsszene Reykjavíks – und schließlich in die Westfjorde Islands, wo die Tote ihre Wurzeln hatte. Was Erlendur dort aufdeckt, betrifft längst nicht nur einen Mord: Es geht um wirtschaftliche Ausbeutung, um Fischfangquoten, um namhafte Persönlichkeiten, die sich gerne hinter Geld und Macht verstecken. Und im Hintergrund kämpft Erlendur mit seinem eigenen Privatleben – seine Tochter Eva Lind ist selbst drogenabhängig und kennt die Szene, in der er ermittelt.
Meine Meinung
Schreibstil & Sprache
Arnaldur Indriðason schreibt klar, ruhig und ohne sprachliche Effekthascherei. Sein Stil ist typisch skandinavisch – kühl, präzise, mit einer leichten Melancholie, die zur isländischen Landschaft passt wie der Wind zur Küste. Wer Henning Mankell, Jo Nesbø oder die jüngeren Camilla Läckberg mag, wird sich hier sofort heimisch fühlen.
Die deutsche Übersetzung von Coletta Bürling ist hervorragend. Sie hat fast alle Indriðason-Romane übertragen und kennt seinen Sound bis ins Detail. Bürling schafft es, die isländische Atmosphäre, den trockenen Humor und die subtile Schwermut der Figuren ins Deutsche zu transportieren, ohne dass etwas davon verloren geht. Das ist Übersetzungsarbeit auf hohem Niveau – und ein wesentlicher Faktor, warum Indriðason auch in Deutschland so erfolgreich werden konnte.
Erlendur Sveinsson als Ermittler
Wenn ein Krimi-Ermittler funktioniert, ist die halbe Miete eingefahren. Und Erlendur funktioniert – auf seine ganz eigene, kauzige Weise. Er ist einsam, geschieden, mit einem Sohn, der Alkoholiker ist, und einer Tochter, die als drogenabhängige Sexarbeiterin lebt. Sein Privatleben ist eine Aneinanderreihung von Verletzungen. Seine ehemalige Frau hasst ihn immer noch, viele Jahre nach der Scheidung. Er weiß, dass er Mitschuld trägt.
Indriðason übertreibt es nie mit dieser Privattragik. Sie ist da, sie spielt eine Rolle, aber sie überdeckt nie den Krimi. Erlendur bleibt der Ermittler, der mit scharfem Verstand und ruhiger Hartnäckigkeit seine Fälle löst. Sein trockener, fast schottisch anmutender Humor ist eine willkommene Würze in einem ansonsten oft düsteren Setting. Diese Figur funktioniert sofort – und macht Lust auf mehr.
Atmosphäre & Island
Was Indriðason besonders gut beherrscht: Island als literarisches Setting. Die isländische Sommernacht, in der es nie wirklich dunkel wird. Die karge, vom Wind geprägte Landschaft der Westfjorde. Die kleinen Fischerorte, die unter dem Druck der Fischfangquoten leiden. Die Stadt Reykjavík als Kontrastprogramm zur ländlichen Tradition.
All das ist nicht touristisch beschönigt, sondern ehrlich, mit einem Auge für die Schattenseiten der Insel. Indriðason zeigt, dass Island weit mehr ist als Geysire, Pferde und Nordlichter – es ist auch ein Land mit sozialen Verwerfungen, Drogenproblemen und politischen Machtstrukturen, die für Außenstehende oft unsichtbar bleiben. Diese kritische Liebe zu seiner Heimat macht den Roman erst richtig spannend.
Sozialkritik & Plot
Indriðason verwebt seinen Krimi geschickt mit gesellschaftskritischen Themen. Die Fischfangquoten – seit Jahrzehnten ein heißes Eisen in Island, weil sie ganze Küstenregionen wirtschaftlich ausbluten – werden Teil der Mordhandlung. Die Verflechtungen zwischen Politik, Wirtschaft und organisierter Kriminalität spielen eine Rolle. Die einfachen Menschen zahlen den Preis, während die Mächtigen sich hinter Geld und Verbindungen verschanzen.
Das ist sozialkritisch erzählt, ohne pädagogisch zu werden. Erlendur urteilt nicht – er beobachtet, und das umso schärfer. Genau diese ruhige Bitterkeit macht die Sozialkritik in „Todesrosen“ so wirkungsvoll. Wer skandinavische Krimis mit gesellschaftlichem Anspruch schätzt – im Stil von Mankell oder Sjöwall/Wahlöö – ist hier richtig.
Mein Kritikpunkt
Ein Stern Abzug für den Spannungsaufbau. „Todesrosen“ ist solide gebaut, aber nicht durchgehend packend. Indriðason nimmt sich Zeit – manchmal mehr Zeit, als der Plot eigentlich braucht. Im Mittelteil zieht sich die Handlung an einigen Stellen, die Verbindungen zwischen den verschiedenen Strängen werden erst spät klar. Wer einen rasanten Page-Turner sucht, wird hier auf Geduld gestellt.
Außerdem: Die Auflösung kommt für meinen Geschmack etwas zu plötzlich. Das letzte Viertel zieht das Tempo deutlich an, aber manche Erklärungen wirken erst auf den letzten Seiten so klar, dass man sich fragt, wie man als Leser:in selbst darauf hätte kommen können. Das ist ein häufiges Phänomen bei Indriðason – und stört je nach Lesegeschmack mehr oder weniger.
Mein Einstieg in die Reihe
Wichtige Info zum Lesefluss: Auf Deutsch ist „Todesrosen“ zwar als zweiter Erlendur-Fall vermarktet – ist aber tatsächlich erst sehr spät bei uns erschienen. Die deutschen Verlage haben mit dem dritten Band „Nordermoor“ angefangen, weil der den Durchbruch brachte. „Todesrosen“ wurde nachträglich übersetzt. Mein Tipp: Wer sauber chronologisch lesen will, sollte mit „Menschensöhne“ (Band 1) anfangen. Wer einfach reinschauen will, kann auch hier einsteigen – ich hatte als Indriðason-Neuling keine Probleme.
Was definitiv für mich klar wurde: Ich werde mehr von Indriðason lesen. Erlendur ist eine Figur, die einen so schnell nicht loslässt – kauzig, einsam, klug, mit dieser ganz eigenen melancholischen Mischung. Mit insgesamt 14 Bänden hat man auch reichlich Auswahl. „Nordermoor“, „Engelsstimme“, „Kältezone“ stehen für mich jetzt auf der Leseliste.
✅ Was mir gefallen hat
- Erlendur als kauziger, sympathischer Ermittler
- Atmosphärisches Island-Setting
- Hervorragende deutsche Übersetzung
- Geschickt eingewobene Sozialkritik
- Kühl-melancholischer Skandi-Krimi-Sound
- Trockener, kluger Humor
- Auch als Einstieg geeignet
❌ Was mich gestört hat
- Mittelteil etwas zäh
- Auflösung kommt fast zu schnell
- Manche Verbindungen erst spät erkennbar
- Themen können belastend sein
Mein Fazit
„Todesrosen“ ist ein solider, atmosphärischer Island-Krimi mit Tiefgang. Indriðason zeigt, warum er zu den wichtigsten skandinavischen Krimi-Autor:innen seiner Generation gehört – ruhig, sprachlich präzise, gesellschaftskritisch und mit einem Ermittler, der nicht so schnell aus dem Gedächtnis verschwindet. Wer skandinavische Krimis liebt und Island als Setting reizvoll findet, kommt um Indriðason nicht herum.
Ein Stern Abzug für den manchmal zähen Mittelteil und die etwas plötzliche Auflösung. Trotzdem ehrliche 4 Sterne und mein Versprechen, weitere Erlendur-Krimis zu lesen. Wer mit dem Skandi-Krimi-Genre einsteigt, sollte Indriðason auf dem Schirm haben – neben Mankell, Nesbø und Läckberg ein eigenständiger, lohnender Klassiker.
Für wen ist das Buch geeignet?
Für Fans skandinavischer Krimis – Henning Mankell, Jo Nesbø, Camilla Läckberg, Stieg Larsson, Sjöwall/Wahlöö. Für alle, die ruhige, atmosphärische Polizeiromane mit gesellschaftskritischem Anstrich lieben. Auch ein passender Einstieg, wenn du Island als Land literarisch entdecken möchtest – Indriðasons Romane sind fast ein Reiseführer in die Schattenseiten der Insel.
Eher nicht geeignet für:
Leser:innen, die rasante Page-Turner mit ständigen Cliffhangern erwarten. Auch nichts für dich, wenn dich Themen wie Prostitution, Drogen oder Selbstzerstörung emotional belasten. Wer schnelle Thriller im Stil von Sebastian Fitzek oder Freida McFadden bevorzugt, wird hier mit dem ruhigen Tempo kämpfen.
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Welcher skandinavische Krimi hat dich zuletzt überzeugt? Liest du Reihen lieber chronologisch oder steigst du auch quer ein? Schreib mir gerne in die Kommentare – ich brauche Empfehlungen für meine nächste Indriðason-Lektüre!








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