Kim Hundevadt: Porcus

⚠️ Kurzer Hinweis: „Porcus“ behandelt Themen wie industrielle Schweinezucht, Tierwohl, gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Aktivist:innen und Landwirten, sowie organisierte Kriminalität. Einige Schilderungen rund um die Schweinemast-Industrie sind drastisch. Wer mit dem Thema Tierhaltung empfindlich umgeht, sollte das beim Lesen im Hinterkopf behalten.

Dänemarks größter Schweinezüchter ist seit drei Wochen verschwunden. Ein nächtlicher Umschlag, eine Adresse in Nordjütland – und ein Investigativjournalist, der mehr in den Fall hineingezogen wird, als ihm lieb sein kann. Kim Hundevadts „Porcus“ ist genau der politisch aufgeladene, brandaktuelle Skandinavien-Thriller, den ich mir schon lange gewünscht habe. Mit einem investigativen Plot, der nicht aus dem Schreibtisch kommt, sondern aus jahrzehntelanger echter Reporter-Erfahrung. Eine 4-Sterne-Rezension.

📖 Buchdaten

Titel:Porcus
Autor:Kim Hundevadt (*1960, dänischer Journalist und Autor)
Originaltitel:Porcus (Politikens Forlag, Februar 2025)
Genre:Politthriller / Skandinavien-Krimi / Investigativ-Thriller / Dänen-Krimi
Reihe:Moll & Mielcke, Band 1 (Auftakt einer neuen Krimireihe über Dänemark in den 2020er-Jahren)
Verlag:btb (Penguin Random House)
Erschienen:2025 (deutsche Erstausgabe)
Seitenzahl:384 Seiten
Einband:Taschenbuch (auch als E-Book und Hörbuch)
ISBN:978-3-442-77586-6
Schauplatz:Dänemark – Kopenhagen, Nordjütland, Christiansborg
Besonderheit:Krimi-Debüt eines erfahrenen Investigativ-Journalisten (Jyllands-Posten)

⭐⭐⭐⭐☆

4 von 5 Sternen

Brandaktueller Politthriller mit investigativer Tiefe und politischer Substanz. Skandinavien-Krimi mit echter Reporter-DNA.

Worum geht’s?

Dänemarks größter Schweinezüchter ist seit drei Wochen spurlos verschwunden. Eines späten Abends klingelt es bei dem Investigativjournalisten Mickael Moll an der Tür. Auf seiner Fußmatte liegt ein Umschlag – ein Foto des verschwundenen Mannes, eine Adresse in Nordjütland, dazu nur die Zeile „Treff mich hier heute Nacht“. Moll, dessen Karriere am Boden ist und der kurz vor der Versetzung aus der Investigativredaktion steht, fährt los. Es könnte seine letzte Chance sein, eine große Geschichte zu liefern.

Was er an der Adresse findet, lässt ihn keine Sekunde mehr los: Der Schweinezüchter ist tot, gemästet und geschlachtet wie eines seiner eigenen Tiere. Eine Botschaft, gleichzeitig eine Hinrichtung. Die Spuren führen in mehrere Richtungen – zu radikalen Tieraktivist:innen, zur russischen Mafia, mitten in die politische Klima- und Tierwohl-Debatte des Landes. Die unkonventionelle PET-Geheimdienstagentin Christiane Mielcke wird auf den Fall angesetzt. Als die Lage vor dem Christiansborg in offene Gewalt zwischen Aktivist:innen und Landwirten eskaliert, beginnen Moll und Mielcke widerwillig zusammenzuarbeiten. Doch dann muss Moll feststellen, dass jemand viel zu nah an seinem Privatleben Spuren hinterlassen hat – seine eigene 19-jährige Tochter scheint mittendrin zu sein. Sechs dramatische Tage, ein makaberes Spiel um Leben und Tod.

Meine Meinung

Der investigative Polit-Thriller-Plot

Das ist für mich das Herzstück dieses Buches – und der Grund, warum ich Kim Hundevadt 4 Sterne gebe. „Porcus“ ist nicht einfach ein weiterer Skandinavien-Krimi mit malerischen Tatorten, sondern ein politisch hochaufgeladener Investigativ-Thriller. Hundevadt nutzt seine 13 Jahre Erfahrung als Investigativ-Reporter bei der Jyllands-Posten erkennbar in jeder Zeile. Hier schreibt jemand, der die Welt der Recherche von innen kennt, der weiß, wie Polizei, Geheimdienst, Medien und politische Eliten zusammenspielen – oder gegeneinander.

Was den Plot besonders stark macht: Er verbindet hochaktuelle gesellschaftliche Themen zu einem fesselnden Krimi-Geflecht. Industrielle Tierhaltung, Klimakampf, Tierwohl-Debatte, soziale Medien und ihr Einfluss auf die demokratische Diskussion, radikale Aktivismus-Strömungen, organisierte Kriminalität, politischer Druck auf Ermittlungsbehörden. Das ist nicht aus der Luft gegriffen, sondern leider erschreckend nah an der Wirklichkeit. Hundevadt nimmt reale Debatten, gibt ihnen einen Krimi-Twist und schafft so eine Geschichte, die man unbedingt zu Ende lesen will.

Brandaktuelle Themen

Was „Porcus“ über durchschnittliche Krimis hinaushebt: die Themen sind 2025/2026 hoch relevant. Industrielle Schweinezucht ist gerade in Dänemark – einem der größten Exporteure für Schweinefleisch in Europa – ein heißes Eisen. Tierwohl, Klimakatastrophe, Polarisierung zwischen Aktivismus und konservativer Bauernschaft, die russische Bedrohung von außen – Hundevadt nimmt all das auf, ohne moralisierend zu werden. Er zeigt verschiedene Perspektiven. Die wütenden Landwirte mit ihrer realen wirtschaftlichen Existenzangst. Die radikalen Aktivist:innen mit ihrem berechtigten Anliegen, aber problematischen Methoden. Die politische Macht, die mit dem Druck umzugehen versucht.

Diese Differenziertheit hat mich beeindruckt. Hundevadt hätte es sich leicht machen können, die Aktivist:innen zu Held:innen zu erklären oder die Landwirte zu Schurken. Stattdessen zeichnet er ein nuanciertes Bild einer polarisierten Gesellschaft, in der niemand komplett im Recht oder Unrecht ist. Genau diese Reife macht das Buch zu mehr als nur einer spannenden Krimi-Lektüre – es ist gleichzeitig eine literarische Reflexion über die Zerrissenheit unserer Zeit. Das schaffen nicht viele Genre-Romane.

Hundevadt als investigative Stimme

Was diesen Krimi authentisch macht: Kim Hundevadts Hintergrund. Er war über 13 Jahre Investigativ-Reporter bei der Jyllands-Posten, einer der größten dänischen Tageszeitungen, hat anschließend 14 Jahre das Sachbuchprogramm bei Politikens Forlag verantwortet, hat fünf Sachbücher geschrieben – und debütiert jetzt mit 65 Jahren als Krimi-Autor. Das spürt man auf jeder Seite. Die Welt der Investigativ-Recherche – der Druck der Redaktion, die zähen Quellen-Gespräche, die ethischen Dilemmata, die brüchige Existenz eines alternden Reporters – wird mit einer Glaubwürdigkeit beschrieben, die nur aus echter Erfahrung kommen kann.

Genau das hebt „Porcus“ über das übliche Genre-Niveau. Hier schreibt kein Autor, der über Journalismus liest und ein paar Klischees recycelt, sondern jemand, der weiß, wie es sich anfühlt, mit einer brisanten Story in der Hand vor dem Chefredakteur zu sitzen und überlegen zu müssen, was man drucken darf, was nicht und welchen Preis man zahlen wird. Diese Insider-Perspektive macht das Buch besonders interessant für alle, die sich für die Welt der Medien und investigativen Recherche interessieren.

Das Ermittlerduo Moll & Mielcke

Die Konstellation aus Investigativjournalist und Geheimdienstagentin ist nicht ganz neu im Krimi-Genre, aber Hundevadt setzt sie geschickt um. Mickael Moll ist der alternde, abgehalfterte Reporter, dessen Karriere am Boden ist, der eine letzte Chance braucht – und dem das Schicksal sie in Form einer makabren Lieferung vor die Haustür legt. Er ist nicht der typische Krimi-Held, kein Superman mit Lösungen für alles, sondern ein gebrochener Mann auf der Suche nach Wiedergutmachung.

Christiane Mielcke dagegen ist die spannendere Hälfte des Duos. Eine unkonventionelle PET-Agentin (die dänische Sicherheitsbehörde), die ihre eigenen Wege geht, sich nicht in Befehlsstrukturen pressen lässt, die Wahrheit auch dann sucht, wenn die politischen Vorgesetzten lieber eine andere Geschichte hätten. Mielcke ist die treibende Kraft im Buch, und ich kann mir gut vorstellen, dass sie in den kommenden Bänden der Reihe immer mehr in den Vordergrund tritt. Mein Tipp: Wer die Reihe weiterverfolgen will, sollte vor allem ihren Werdegang im Auge behalten.

Das Setting: Dänemark in den 2020ern

Was diesen Krimi besonders macht: Das Setting ist nicht das verschneite, romantisierte Skandinavien, das wir aus vielen Krimis kennen. Hundevadt zeigt das Dänemark der 2020er-Jahre, ein Land mitten in Strukturwandel, Polarisierung und politischen Erschütterungen. Christiansborg, die nordjütländischen Bauernhöfe, die Redaktionsräume in Kopenhagen – das alles wirkt sehr realistisch und konkret. Wer ein Faible für Skandinavien-Krimis hat, bekommt hier eine ganz neue Perspektive auf den Norden.

Besonders gut gefällt mir, dass Hundevadt nicht in die übliche Skandinavien-Mystik verfällt. Kein schwermütiger, schweigsamer Ermittler, der durch verschneite Landschaften wandert. Stattdessen ein durchaus modernes Dänemark mit allen seinen Konflikten – Stadt gegen Land, Aktivismus gegen Konservatismus, Digitalisierung gegen Tradition. Genau diese Aktualität macht das Buch zu einem zeitgemäßen Genre-Vertreter.

Schreibstil & Tempo

Kim Hundevadt schreibt sachlich-präzise, ohne literarisches Pathos. Das ist erkennbar die DNA eines Journalisten – klare Sätze, konkrete Beobachtungen, eine angemessene Distanz, die nicht kalt wirkt, sondern souverän. Die deutsche Übersetzung trägt diesen Stil gut. Wer einen kraftvoll-poetischen Erzählton sucht, wird hier nicht fündig. Wer dagegen sachorientierten, gut recherchierten Politthriller liebt, ist genau richtig.

Das Tempo ist überwiegend gut. Hundevadt strukturiert seine Geschichte in sechs dramatische Tage, die jeweils eigene Kapitel-Bündel bilden. Diese Zeit-Struktur sorgt für Dringlichkeit – man fühlt die Uhr ticken. Es gibt einige Längen im Mittelteil, in denen das Buch sehr viel politischen Hintergrund erklärt, aber das Ende beschleunigt sich rasant und endet mit einem wirklich starken Showdown. Die 384 Seiten lassen sich gut in zwei oder drei Lese-Sessions bewältigen.

Meine Kritikpunkte

Ein Stern Abzug – und zwar aus zwei Gründen. Erstens: Mickael Moll wirkt als Hauptfigur stellenweise zu passiv. Andere Rezensent:innen haben es treffend formuliert: Er löst den Fall nicht aktiv, sondern fällt eher in die Lösung hinein. Sein Beitrag zur Aufklärung kommt vor allem durch Glück und Insider-Wissen, nicht durch besondere ermittlerische Brillanz. Bei einem investigativen Journalisten als Hauptfigur hätte ich mir mehr Drive, mehr Eigeninitiative gewünscht. Mielcke ist hier deutlich stärker gezeichnet.

Zweitens: Das Buch hat im Mittelteil Längen. Manche Hintergrund-Erklärungen zu politischen Strukturen, Aktivist:innen-Gruppen und der russischen Mafia hätten knapper sein können. Hundevadt schreibt erkennbar mit dem Anliegen, der Leserschaft die ganze Komplexität der Themen näherzubringen – das ist ehrenwert, bremst aber gelegentlich das Tempo. Strafferes Lektorat hätte hier helfen können. Trotz dieser kleinen Schwächen ist „Porcus“ für mich ein wirklich starker Reihen-Auftakt mit großem Potenzial.

✅ Was mir gefallen hat

  • Brandaktueller, intelligent konstruierter Plot
  • Glaubwürdige investigative DNA des Autors
  • Differenzierter Blick auf politische Polarisierung
  • Realistisches modernes Dänemark als Setting
  • Starke Geheimdienstagentin Christiane Mielcke
  • Sechs-Tage-Struktur sorgt für Dringlichkeit
  • Sachlich-präziser, authentischer Schreibstil
  • Vielversprechender Reihen-Auftakt

❌ Was mich gestört hat

  • Mickael Moll zu passive Hauptfigur
  • Längen im Mittelteil
  • Zu viele Hintergrunderklärungen
  • Strafferes Lektorat hätte gutgetan
  • Belastende Thematik rund um Industrieschweinezucht

Mein Fazit

„Porcus“ ist ein wirklich starker Politthriller aus Dänemark, der seine eigene Stimme im Genre findet. Kim Hundevadt schreibt mit der Glaubwürdigkeit eines erfahrenen Investigativ-Reporters, nimmt brandaktuelle Themen auf und verknüpft sie zu einem fesselnden Krimi-Geflecht. Wer Skandinavien-Krimis mit politischer Substanz sucht – jenseits der üblichen verschneiten Klischees –, sollte unbedingt einsteigen. Christiane Mielcke ist eine der spannendsten neuen Ermittler-Figuren der letzten Zeit.

Ein Stern Abzug für die etwas passive Hauptfigur Mickael Moll und die Längen im Mittelteil. Trotzdem ehrliche 4 Sterne und eine warme Empfehlung. Hundevadt hat das Fundament für eine wirklich starke Reihe gelegt – wenn er das Niveau halten kann, wird Moll & Mielcke eine der relevantesten Krimi-Reihen aus Skandinavien werden. Ich freue mich auf die nächsten Bände und werde sie definitiv lesen. Pflichtkauf für alle Politthriller-Fans und Skandinavien-Krimi-Liebhaber:innen.

Für wen ist das Buch geeignet?
Für Fans politisch-aktueller Skandinavien-Krimis – Jens Lapidus, Stieg Larsson (Millennium-Reihe), Jussi Adler-Olsen, Arnaldur Indriðason. Für alle, die Politthriller mit echter Recherche-Tiefe schätzen und Lust auf eine neue dänische Stimme haben. Auch für Leser:innen, die sich für Themen wie industrielle Tierhaltung, Klimaaktivismus, organisierte Kriminalität und politische Polarisierung interessieren. Ideale Lektüre für gesellschaftspolitisch engagierte Krimi-Liebhaber:innen.

Eher nicht geeignet für:
Leser:innen, die schnelle Action-Thriller mit hohem Tempo bevorzugen oder bei politischen Hintergrund-Erklärungen schnell ungeduldig werden. Auch nichts für dich, wenn du dich aktiv von Themen wie industrieller Tierhaltung und Tierwohl-Debatten fernhalten möchtest – das Buch wird hier deutlich. Wer Skandinavien-Krimis vor allem wegen der schwermütig-romantischen Atmosphäre liebt, ist hier eher falsch – Hundevadt schreibt sachlich-direkt.

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Jessica

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